Wehrlosigkeit als stiller Zeitgeist

Stille Kapitulation: Die schweigende Generation

von Alexander Wallasch (Kommentare: 8)

No fight, viel Leid.© Quelle: Pixabay/hbieser

Die Lust am Kämpfen schwindet, die Spaltung wächst. Was treibt eine Generation an, die Auseinandersetzungen meidet, aber extreme Positionen wählt? Ein paradoxes Bild der heutigen Jugend.

(Wenn's mal schnell gehen soll: Am Ende des Artikels findet sich eine "kurze Version")

Wehrlosigkeit im Alltag

Schon seit Längerem fällt bei jungen Deutschen etwas auf, das ratlos macht. Es hat mit Wehrlosigkeit und fehlender Resilienz zu tun. Eltern beobachten es teilweise auch bei ihren eigenen, mittlerweile jungen erwachsenen Kindern.

Konkret geht es um eine Hilflosigkeit gegenüber Menschen, die ihnen nichts Gutes wollen, sowohl im Privaten als auch im Umgang mit Behörden. Kurz gesagt: Die jungen Leute lassen sich scheinbar klaglos zu viel gefallen. Fast so, als habe man es ihnen ausgetrieben, für ihre eigenen Belange einzutreten.

Eine Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) aus 2023 mit dem Titel „Aufwachsen in Deutschland“ unterstützt diese Beobachtung allenfalls indirekt bzw. kann ihr sogar noch etwas Positives abgewinnen: „Seit dem Ende der Pandemie geht es Kindern und Jugendlichen deutlich besser“, sagt DJI-Forschungsdirektorin Susanne Kuger.

Doch gleichzeitig zeigt eine neuere Studie, dass viele junge Menschen mit Unsicherheiten und Diskriminierungserfahrungen kämpfen, was ihre Durchsetzungsfähigkeit schwächen könnte.

Konkrete Beispiele machen es klarer. Sie bestellen etwas bei eBay-Kleinanzeigen, stehen dann bei der Abholung einer gerissenen Person gegenüber, sehen, dass das Produkt nicht dem entspricht, was besprochen wurde, schaffen es aber einfach nicht, „Nein“ zu sagen, und kaufen dann etwas, mit dem sie nicht zufrieden sind.

Oder: Sie stehen bei einer Behörde, werden trotz offensichtlichem Recht unhöflich abgewimmelt, nicken nur und gehen – ohne Widerwort. Im öffentlichen Raum gewinnt immer öfter der durchsetzungsstarke Mensch. Die sozialisierten jungen Deutschen geben klein bei, passen sich an, haben immer weniger Energie, für ihre Dinge einzustehen, ihre Räume zu verteidigen, sich durchzusetzen.

Ursachen: Digitalisierung und gesellschaftlicher Wandel

Liegt es daran, dass sie mittlerweile die meisten Waren bei Amazon bekommen und gar nicht mehr gewöhnt sind, mit einem leibhaftigen Menschen in einen Disput zu geraten? Hier ist eine Streitkultur verloren gegangen. Es fehlt der Wille, für sich etwas auszufechten.

Die WHO-Studie „Health Behaviour in School-aged Children“ (HBSC) von 2022 deutet darauf hin, dass die digitale Kommunikation diese Entwicklung verstärkt. Laut Studie zeigte mehr als jeder zehnte Jugendliche Anzeichen eines problematischen Verhaltens im Hinblick auf die sozialen Medien, was die Fähigkeit zu direktem, konfrontativem Austausch beeinträchtigen könnte.

Es scheint auch so, dass junge Leute immer seltener Telefonate führen, bald so, als wäre es ihnen unangenehm, sich mit einem echten analogen Menschen auszutauschen. In den sozialen Netzwerken wird alles schriftlich gemacht oder mit wechselnden Sprachnachrichten, die kein echter Dialog sind. Die JIM-Studie 2023 bestätigt diesen Trend: „WhatsApp wird von 94 Prozent regelmäßig genutzt“, während direkte verbale Kommunikation abnimmt.

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Was man ebenfalls nicht außer Acht lassen darf: Es gibt immer weniger junge Einheimische. Früher war es ein Kampf zwischen Jugend und Alter, heute stehen gefühlt fünf Alte gegen einen jungen Menschen. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind im öffentlichen Raum Exoten geworden. Und da, wo die Migration sich diese Räume nicht erobert hat, werden jene Alten, die früher zu Hause bleiben mussten, mit immer moderneren Rollatoren auf die Reise geschickt – morgens um halb elf im Supermarkt.

Während die digitalen Räume immer weiter aufblühen, werden immer mehr analoge öffentliche Räume aufgegeben. Die Pandemie hat das verstärkt: Wer an Unis zu tun hat, dem ist aufgefallen, dass die nach Corona kommenden Studenten gar nicht so selten eine regelrechte Corona-Lockdown-Macke mitgebracht haben. Gleichzeitig hat sie suggeriert, dass der digitale Kontakt das neue Normal ist.

Folgen: Vom Alltag zur Politik

Was bei jungen Deutschen ebenfalls auffällt: Der Streit mit den Eltern entfällt zunehmend. Viele Jugendliche und junge Erwachsene erscheinen vernünftiger und sanftmütiger als ihre streitlustigen Eltern. Interessant dazu: Eine weitere Studie zeigt, dass in intakten Familien Konflikte heftiger verlaufen als bei Alleinerziehenden, was darauf hindeutet, dass Jugendliche heute Harmonie suchen könnten.

Steigt die Zahl jener Jugendlichen, die in Therapie sind? Die „Jugend in Deutschland“-Studie berichtet: „Ein Viertel der Befragten ist unzufrieden mit seiner psychischen Gesundheit“.

Drogen scheinen auf dem Rückmarsch, es wird weniger geraucht und weniger Alkohol getrunken, aber eine bestimmte geringe Zahl von jungen Leuten kämpft mit einem massiven Cannabis-Problem. Gleichzeitig scheinen die Fälle von Autoaggression anzusteigen, als wäre es eine Ersatzhandlung für Angriffe von außen, die ausbleiben, weil es kein Außen mehr gibt.

Wie sieht es in Paarbeziehungen aus? Wer Kontinuität wünscht, der muss für den Erhalt seiner Beziehung immer wieder kämpfen. Aber was, wenn man ganz verlernt hat, für etwas zu kämpfen?

Wir spekulieren: Möglicherweise halten Paarbeziehungen heute deshalb länger, weil die Partner nicht mehr kämpfen. Denn auch eine Trennung muss man sich erkämpfen.

Demgegenüber erstaunt dann, dass dennoch die Hälfte der jungen Leute Linke und AfD gewählt haben. Ist das eine neue Art der passiven Aggressivität? Die „Jugend in Deutschland“-Studie zeigt: „Das Potenzial für rechtspopulistische Einstellungen in der jungen Generation habe sich deutlich verstärkt“, was als Ausdruck von Frust und Hilflosigkeit interpretiert werden könnte.

Bleibt die Frage: Wird diese schweigende Generation irgendwann laut, oder bleibt ihre Kapitulation für immer still?

Kurze Version

Schon seit Längerem fällt bei jungen Deutschen eine Wehrlosigkeit auf, die einen ratlos zurücklässt – oft auch bei den eigenen Kindern. Sie lassen sich zu viel gefallen, sei es privat oder bei Behörden, als hätte man ihnen das Eintreten für sich ausgetrieben. Studien zeigen: Viele kämpfen mit Unsicherheiten, die ihre Durchsetzungsfähigkeit schwächen. Beispiele: Sie kaufen bei eBay-Kleinanzeigen mangelhafte Ware, weil sie nicht „Nein“ sagen, oder lassen sich von Behörden abwimmeln, obwohl sie im Recht sind.

Ursachen könnten Digitalisierung und Corona sein. Die WHO deutet an, dass soziale Medien Konfrontationsfähigkeit mindern. Telefonate werden gemieden, WhatsApp dominiert, sagt eine weitere Studie. Dazu: Weniger junge Einheimische, mehr Alte im öffentlichen Raum, und eine Corona-Lockdown-Macke prägt Studenten.

Folgen? Psychisch belastet, ein Viertel unzufrieden, weniger Streit mit Eltern, sagt das Max-Planck-Institut. Spekulation über längere Beziehungen durch Passivität. Doch politisch wählen viele Linke und AfD – passive Aggressivität? Wird diese schweigende Generation je laut?

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