(Wenn's mal schnell gehen soll: Am Ende des Artikels findet sich eine "kurze Version")
Wehrlosigkeit im Alltag
Schon seit Längerem fällt bei jungen Deutschen etwas auf, das ratlos macht. Es hat mit Wehrlosigkeit und fehlender Resilienz zu tun. Eltern beobachten es teilweise auch bei ihren eigenen, mittlerweile jungen erwachsenen Kindern.
Konkret geht es um eine Hilflosigkeit gegenüber Menschen, die ihnen nichts Gutes wollen, sowohl im Privaten als auch im Umgang mit Behörden. Kurz gesagt: Die jungen Leute lassen sich scheinbar klaglos zu viel gefallen. Fast so, als habe man es ihnen ausgetrieben, für ihre eigenen Belange einzutreten.
Eine Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) aus 2023 mit dem Titel „Aufwachsen in Deutschland“ unterstützt diese Beobachtung allenfalls indirekt bzw. kann ihr sogar noch etwas Positives abgewinnen: „Seit dem Ende der Pandemie geht es Kindern und Jugendlichen deutlich besser“, sagt DJI-Forschungsdirektorin Susanne Kuger.
Doch gleichzeitig zeigt eine neuere Studie, dass viele junge Menschen mit Unsicherheiten und Diskriminierungserfahrungen kämpfen, was ihre Durchsetzungsfähigkeit schwächen könnte.
Konkrete Beispiele machen es klarer. Sie bestellen etwas bei eBay-Kleinanzeigen, stehen dann bei der Abholung einer gerissenen Person gegenüber, sehen, dass das Produkt nicht dem entspricht, was besprochen wurde, schaffen es aber einfach nicht, „Nein“ zu sagen, und kaufen dann etwas, mit dem sie nicht zufrieden sind.
Oder: Sie stehen bei einer Behörde, werden trotz offensichtlichem Recht unhöflich abgewimmelt, nicken nur und gehen – ohne Widerwort. Im öffentlichen Raum gewinnt immer öfter der durchsetzungsstarke Mensch. Die sozialisierten jungen Deutschen geben klein bei, passen sich an, haben immer weniger Energie, für ihre Dinge einzustehen, ihre Räume zu verteidigen, sich durchzusetzen.
Ursachen: Digitalisierung und gesellschaftlicher Wandel
Liegt es daran, dass sie mittlerweile die meisten Waren bei Amazon bekommen und gar nicht mehr gewöhnt sind, mit einem leibhaftigen Menschen in einen Disput zu geraten? Hier ist eine Streitkultur verloren gegangen. Es fehlt der Wille, für sich etwas auszufechten.
Die WHO-Studie „Health Behaviour in School-aged Children“ (HBSC) von 2022 deutet darauf hin, dass die digitale Kommunikation diese Entwicklung verstärkt. Laut Studie zeigte mehr als jeder zehnte Jugendliche Anzeichen eines problematischen Verhaltens im Hinblick auf die sozialen Medien, was die Fähigkeit zu direktem, konfrontativem Austausch beeinträchtigen könnte.
Es scheint auch so, dass junge Leute immer seltener Telefonate führen, bald so, als wäre es ihnen unangenehm, sich mit einem echten analogen Menschen auszutauschen. In den sozialen Netzwerken wird alles schriftlich gemacht oder mit wechselnden Sprachnachrichten, die kein echter Dialog sind. Die JIM-Studie 2023 bestätigt diesen Trend: „WhatsApp wird von 94 Prozent regelmäßig genutzt“, während direkte verbale Kommunikation abnimmt.
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Was man ebenfalls nicht außer Acht lassen darf: Es gibt immer weniger junge Einheimische. Früher war es ein Kampf zwischen Jugend und Alter, heute stehen gefühlt fünf Alte gegen einen jungen Menschen. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind im öffentlichen Raum Exoten geworden. Und da, wo die Migration sich diese Räume nicht erobert hat, werden jene Alten, die früher zu Hause bleiben mussten, mit immer moderneren Rollatoren auf die Reise geschickt – morgens um halb elf im Supermarkt.
Während die digitalen Räume immer weiter aufblühen, werden immer mehr analoge öffentliche Räume aufgegeben. Die Pandemie hat das verstärkt: Wer an Unis zu tun hat, dem ist aufgefallen, dass die nach Corona kommenden Studenten gar nicht so selten eine regelrechte Corona-Lockdown-Macke mitgebracht haben. Gleichzeitig hat sie suggeriert, dass der digitale Kontakt das neue Normal ist.
Folgen: Vom Alltag zur Politik
Was bei jungen Deutschen ebenfalls auffällt: Der Streit mit den Eltern entfällt zunehmend. Viele Jugendliche und junge Erwachsene erscheinen vernünftiger und sanftmütiger als ihre streitlustigen Eltern. Interessant dazu: Eine weitere Studie zeigt, dass in intakten Familien Konflikte heftiger verlaufen als bei Alleinerziehenden, was darauf hindeutet, dass Jugendliche heute Harmonie suchen könnten.
Steigt die Zahl jener Jugendlichen, die in Therapie sind? Die „Jugend in Deutschland“-Studie berichtet: „Ein Viertel der Befragten ist unzufrieden mit seiner psychischen Gesundheit“.
Drogen scheinen auf dem Rückmarsch, es wird weniger geraucht und weniger Alkohol getrunken, aber eine bestimmte geringe Zahl von jungen Leuten kämpft mit einem massiven Cannabis-Problem. Gleichzeitig scheinen die Fälle von Autoaggression anzusteigen, als wäre es eine Ersatzhandlung für Angriffe von außen, die ausbleiben, weil es kein Außen mehr gibt.
Wie sieht es in Paarbeziehungen aus? Wer Kontinuität wünscht, der muss für den Erhalt seiner Beziehung immer wieder kämpfen. Aber was, wenn man ganz verlernt hat, für etwas zu kämpfen?
Wir spekulieren: Möglicherweise halten Paarbeziehungen heute deshalb länger, weil die Partner nicht mehr kämpfen. Denn auch eine Trennung muss man sich erkämpfen.
Demgegenüber erstaunt dann, dass dennoch die Hälfte der jungen Leute Linke und AfD gewählt haben. Ist das eine neue Art der passiven Aggressivität? Die „Jugend in Deutschland“-Studie zeigt: „Das Potenzial für rechtspopulistische Einstellungen in der jungen Generation habe sich deutlich verstärkt“, was als Ausdruck von Frust und Hilflosigkeit interpretiert werden könnte.
Bleibt die Frage: Wird diese schweigende Generation irgendwann laut, oder bleibt ihre Kapitulation für immer still?
Schon seit Längerem fällt bei jungen Deutschen eine Wehrlosigkeit auf, die einen ratlos zurücklässt – oft auch bei den eigenen Kindern. Sie lassen sich zu viel gefallen, sei es privat oder bei Behörden, als hätte man ihnen das Eintreten für sich ausgetrieben. Studien zeigen: Viele kämpfen mit Unsicherheiten, die ihre Durchsetzungsfähigkeit schwächen. Beispiele: Sie kaufen bei eBay-Kleinanzeigen mangelhafte Ware, weil sie nicht „Nein“ sagen, oder lassen sich von Behörden abwimmeln, obwohl sie im Recht sind.
Ursachen könnten Digitalisierung und Corona sein. Die WHO deutet an, dass soziale Medien Konfrontationsfähigkeit mindern. Telefonate werden gemieden, WhatsApp dominiert, sagt eine weitere Studie. Dazu: Weniger junge Einheimische, mehr Alte im öffentlichen Raum, und eine Corona-Lockdown-Macke prägt Studenten.
Folgen? Psychisch belastet, ein Viertel unzufrieden, weniger Streit mit Eltern, sagt das Max-Planck-Institut. Spekulation über längere Beziehungen durch Passivität. Doch politisch wählen viele Linke und AfD – passive Aggressivität? Wird diese schweigende Generation je laut?
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Kommentar von HP
Dieser Artikel trifft den Nagel auf den Kopf!
Wir haben es mit verwöhnten, bequem gewordenen Konsumtrottel - Generationen zu tun, die ihre Komfortzone nicht mit unangenehmen Situationen & auch nicht mit unbequemen (politischen) Wahrheiten belasten wollen.
Höchst problematisch ist auch die fehlende Solidarität untereinander - sei es in der Arbeitswelt oder bei großen gesellschafts-politischen Themen wie Corona-Zwangsmaßnahmen ('Her mit dem Pieks für den Urlaub'), dem Völkermord an der Zivilbevölkerung in Gaza oder die brandgefährliche Kriegstreiberei Richtung WK3.
Insbesondere in der Arbeitswelt stelle ich zunehmend ein fehlendes Interesse fest, neue Kollegen einzuarbeiten - auch in Kombination mit dem Unwillen, überhaupt noch ins Büro zu kommen, sondern lieber im Homeoffice zu bleiben.
Die Gesellschaft wird m.E. nicht nur unsozialer, sondern regelrecht asozialer.
Ursache dürfte die (weiter voranschreitende) Digitalisierung sein, die die Gesellschaft zunehmend entmenschlicht, indem sie Menschen in egoistische, bequem gewordene, oberflächliche, heuchelnde & empathielose Zombies verwandelt hat (s.a. die extreme Ausweitung von Kinderpornografie).
Zukünftig "trifft" man sich nur noch in virtuellen Räumen per VR-Brille und ein Großteil der Kommunikation findet mit generativer KI/Conversational AI statt.
Letztere wird zu Massenarbeitslosigkeit führen, welche dann über ein (fast) bedingungslose Grundeinkommen aufgefangen wird, welches man jedoch nur bei Wohlverhalten per digitalem € (CBDC) erhalten wird.
Für die Mächtigen sind das natürlich traumhafte Zustände, da sie mit keinerlei Widerspruch oder - als Voraussetzung hierfür - auch nur tieferem Verständnis zu Fehlentwicklungen mehr rechnen müssen.
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Kommentar von .TS.
Wieso soll Schweigen gleichbedeutend mit Kapitulation sein?
Im Grunde ist das Verhalten der heutigen Durchschnittsjugend sehr vernünftig:
Man macht sich keine Illusionen über eine glorreiche Zukunft, weiß aber daß es irgendwie weitergeht. Die einstige Leistungsgesellschaft hat sie als Hamsterrad durchschaut in dem die meisten am Ende doch kaum vorankommen während sie sich verausgaben.
Und während die erwachsene Gesellschaft so gespalten ist wie schon lange nicht mehr ist für sie der multikulturelle Mischmasch in der Ersatzheimat von klein auf Alltag.
Wozu also sich für etwas verausgaben daß keinen Vorteil bringt? Daher fahren die meisten auf Sicht, pflegen ihre lokalen Kontakte, und kommt auf diese Weise wohl besser mit der Zukunft zurecht als unsereins die immer noch den längst brüchigen alten Gewissheiten und unerreichbaren Zielen hinterherlaufen.
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Kommentar von Frau Humberg
Der dressierte Nachwuchs
ISBN 978-3-910568-13-6
RD 2024/09/11
Meyen, M.
<https://www.hintergrund.de/hintergrund-buchreihe-wissen-kompakt/>
•
Interviewee Meyen, M.
Interviewer De Lapuente, R.
<https://overton-magazin.de/dialog/michael-meyen-im-unterschied-zu-frueher-ist-der-bruch-zwischen-den-generationen-systematisch-herbeigefuehrt-worden/>
p 2024/10/05
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Kommentar von Marco B.
Ich würde es nicht den Eltern sondern den Großeltern anlasten. Diese sog. "BestAger" haben doch nichts Besseres zu tun, als sich um das eigene Wohlwollen zu kümmern. Die Enkel sind nur im Weg. Meist dann noch zigmal geschieden und wiederverheiratet. Die wissen doch gar nicht mehr wo und wieviele Nachkommen die haben.
Dann noch die Bundeserziehungsmaßnahmen seit 30 Jahren: Ganztages-Fremdbetreuung, gleich nach der Geburt. Wer kann da noch ein individuelles Bewußtsein entwickeln? Außerdem ist jede laute Meinungsäußerung mittlerweile als "Aggressivität" verpönt.
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Kommentar von Waltraud Köhler
Der Grund ist doch simpel: Es sind die Eltern.
Unsere Eltern hatten weder Zeit noch Lust unsere kleinen Problemchen für uns zu lösen. Heute dagegen ist es selbstverständlich geworden, dass Eltern alle Probleme der Kinder lösen. Wir hatten doch genausogut ungerechte Lehrer - und haben uns dann mit denen auf unsere Art auseinandergesetzt. Dabei haben wir gelernt für uns selbst und unsere Wünsche einzustehen. Heute fechten Eltern, selbstverständlich, diese Kämpfe aus - wenn es sein soll, dann vor Gericht. Kinder lernen nicht mehr sich durchzusetzen! Das fängt bereits im Kindergarten an. Dort wo Kinder eben sozialisiert werden. Dann kommen oft noch fehlende Geschwister - mit denen man Streit üben könnte, hinzu.
Kinder können als Jugendliche natürlich nur das, was sie als Kinder lernen konnten.
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Kommentar von Kurt Engel
Es fehlt an Bildung. Nur wenn ich weiß wovon ich rede, entsprechend informiert bin kann ich verlangen. Wenn ich abgebügelt wurde, dann fragte ich immer, wo das denn steht. Ich will mich mal schlau machen. Und oft stellte ich fest, daß der Gegenüber auch keinen Schimmer hatte. Er handelte nach dem Motto, das war schon immer so. Und ohne Bildung/Wissen ist dem nichts entgegen zu setzen.
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Kommentar von Farg Alucard
Es sind die 50 bis 70jährigen, die für diesen Zustand verantwortlich sind. Die jungen Menschen von heute haben nur bedingt "Schuld" an dieser Situation. Es ist schon seltsam, dass die 50 bis 70jährigen sich vermehrt über die junge Generation beschweren, obwohl sie vor 30-50 Jahren schon selber versagt haben, als es darum ging, die fatale "Ausländerpolitik" zu kritisieren. Vor 30 - 50 Jahren wurde nämlich die heutige Ü80 Generation von den heutigen 50 bis 70jährigen genauso im miesen Stil beleidigt und geächtet. Inzwischen sind die Einkaufsstraßen und Stadtbezirke erobert worden und die 50-70-Fraktion fordert auf einmal die jüngere Generation auf, sich zu wehren und sich ihre Bezirke zurückzuerobern. Aber so richtig etwas eingestehen, will man aber nicht. Man macht bei der Jahreszahl 2015 halt. Davor war doch alles OK. Nein nein, so einfach kommt die 50-70-Fraktion aus dieser Nummer nicht raus. Die "verweichlichte" Generation ist nur das Produkt der letzten Jahrzehnte. Wir sollten uns bei den über 80jährigen entschuldigen, die schon in den 60/70/80ern die Einwanderungspolitik für total verfehlt hielten und diesen Wahnsinn vorausgesagt haben und dafür Prügel bezogen haben...
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Kommentar von Schwar Zi
Teile der Anwort finden sich in diesem Buch:
https://www.amazon.de/Wir-Weicheier-wehren-k%C3%B6nnen-dagegen/dp/3902732679